alles, nicht alles, nichts

Sie sitzt auf dem Fussboden, den Fingerwischrechner auf den Knien. Ein Anblick wie in diesen bunten Bildern – in Zeitungen, auf Plakatwänden oder bewegt im Fernseher.
Ihr Zeigefinger berüht fast den Schirm. Sie überlegt, was Maps rückwärts geschrieben bedeuten mag. Und ob das Zufall sein kann. Wie alles, nicht alles, nichts.

Sonst räumt er immer den Spam-Ordner auf. Sie bekommt eh den geringeren Anteil an elektronischer Post, sagt er immer und: jeder hat seine Aufgaben.

Und eigentlich ist das vielleicht kein Spam. Nur ein Fragebogen. Von einem Hotel. Von einem Hotel, grad 100 Meter von seiner Arbeit entfernt. Von einem Hotel, dass ihn fragt, wie sein Aufenthalt war. Von einem Hotel, in der ein Paket für zwei in Anspruch genommen hat. Von einem Hotel, in dem sie nie gemeinsam waren.

Sie schüttelt den Kopf, schaut auf. Warum hatte sie den Rechner angeschaltet? Wollte Sie nicht irgendwas bei Maps gucken? Irgendwas? Was mag Maps rückwärts bedeuten? Kann das Zufall sein? Wie alles, nicht alles, nichts?

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Sein roter Mantel tropft schon vor Nässe. Eigentlich war er mal weiß, aber nach diesem Werbevertrag mit der einen Brausefirma – naja, seit dem ist er rot. Dieses ecklige Nass, der ganze Mantel ist davon durchdrungen. Und der Bart hängt in nassen Strähnen über seinen dicken Bauch.
Schnee macht ihm nichts aus, keine Kälte, kein Eis, aber dieser ewige Regen? Die Tür quietscht, als er sie öffnet, er tritt in diesen langen Flur und seine Stiefel hinterlassen nasse Spuren auf dem täglich gewischtem Boden. Ein paar Türen stehen offen und er sieht durch die eine Bunsenbrenner und ein Plakat mit der Ordnung der chemischen Elemente, durch ein anderes Waschbecken, die in Kinderhöhe hängen. Ein Blick nach oben, zur Uhr und der Glocke darunter. Er ist vielleicht zu spät.

Er sucht nach dem Türschild. Biologie. Mathematik. Da sieht er das richtige Schild, huscht so leise durch die Tür, wie das eben mit Stiefeln geht, brummt ein leises Entschuldigung und setzt sich auf einen dieser viel zu kleinen Stühle.

Sie haben schon begonnen. Grad erzählte diese süße Kleine, ihre Flügel knistern leise, wenn sie sich aufregt und etwas goldener Staub füllt den Raum und auch auf ihn. Er hält sich an seinem Stuhl fest, um nicht wieder davon zu fliegen. Die kleine Süße, er brummt es in seinen Bart. Gerade werden ihre Augen so dunkel, dass man die Pupille nicht mehr erkennen kann und ihre Fingerspitzen beginnen zu glühen.
Er sieht rüber zum Dschinni, der heute mehr an ihren Lippen, als an seiner Flasche zu hängen scheint. Seine Lippen formen ein ja oder ein genauso-ist-es, unterstützt von einem durchdringendem Blick und diesen riesigen Oberarmen, die sich immer mehr aufpumpen.

Als er an der Reihe ist, wurde eigentlich schon alles gesagt. Eigentlich. So zuckt er mit den Schultern. Einige Wünsche sind unerhört – andere bleiben es.

Wegen der Ferien ist die nächten Gruppensitzung in drei Wochen. Sonst alles wie immer.

πάντα ῥεῖ

Zu oft die Frage: Weisst du noch? Und immer nur ein Nicken als Antwort. Und ein Blick zu Boden. Nie zu den Sternen. Nie nach vorn. Oder irgendeine Kleinigkeit aus irgendeinem Alltag und weder Nachfrage, noch Verständnis. Genesis. Exodus. Und immer bleibt einer zurück.

Er sitzt auf dem Steg und seine Füße baumeln im Wasser. Ich stehe hinter ihm, im Schatten und sehe auf die kleinen Wellen, die seine Füßen ins Wasser zeichnen.
Weisst du noch
?, will jemand fragen, aber meine Lippen öffnen sich nicht. Ich verlagere mein Gewicht, ein Ast bricht unter meinen Füßen, ein kurzes Knacken, sein linkes Ohr zuckt kurz, er sieht nicht auf.

Die letzten drei Jahre: seine Nummer in meiner Anrufliste. Meine Nummer in seiner. Nachrichten auf Anrufbeantwortern, die man nicht abhören brauchte, weil man zuhörte, während er oder ich sie sprachen. Postkarten aus dem Urlaub vielleicht, SMS zum Geburtstag.

Er greift hinter sich, nimmt die beiden Stöcker, aus denen wir gerade kleine Boote geschnitzt haben. Er reicht mir eins davon. Nur kurz sieht er mir in die Augen, dann den Blick zu Boden. Er stockt kurz, sieht mir noch einmal lange in die Augen, dann dreht er sich um, lässt sein Boot ins Wasser gleiten.

Ich höre seine Schritte auf dem Kiesweg hinter mir, höre wie sie immer leiser werden. Mein Boot habe ich noch in der Hand. Vielleicht ist da ja wirklich ein Unterschied. Zwischen diesem “alles ist im Fluss” und jenem “alles geht den Bach runter”.

Untitled

Seid Stunden rede ich nun schon. Und schnell schiebe ich noch einen Satz nach, wenn sie einatmet. Und die Worte kommen gleich langsamer, im gleichen Rhythmus, in dem sie ihren Atem wieder an die Welt zurück gibt. Ich knete meine Hände, wische mir den Schweiß von der Stirn und traue mich kaum, mein Glas anzusetzen. Jede Pause könnte mich mehr als nur aus dem Fluss der Wörter fortspülen. Wo kommen nur all diese Wörter her, diese Sätze, die Geschichten, die aus ihnen werden? Wie Steine, die einen Weg pflastern – oder eine Mauer bauen.

Sie sieht, wie ich mein Glas ansetzen und lächelt nur, lehnt sich zurück und – nichts. Nichts, als dieses Lächeln. Und ein Nicken, dass alles bedeuten könnte. Oder nichts. Aber in irgendeiner Welt ist das wohl immer eins.

Und so lass ich die Wörter sprudeln, mich forttragen, beobachte mich selbst und das Floß aus Wörtern, auf dem ich versuche die Balance zu halten. Dieses Floß, an denen sich die Seile zu lösen scheinen. Es scheint so zu sein. Wie ein Schein, der durch die Wolken und durch meine Rippen dringt. Oder einer auf dem steht, dass ich gehen darf. Oder bleiben. Das ich mich treiben lassen kann. Oder vertrieben werde.
Ich kriege keine Kurve, setze keinen Punkt und nicht mal ein Komma. Immer wieder geht mir dieser eine Satz durch den Kopf. Wie ein Versprechen, dass ewig gilt. Oder eine Drohung, mit der gleichen Gültigkeit. Dieser eine Satz, nach dem sie mich gefragt hatte, wie es mir geht. Und meine Augen, mein trainierter Blick, das Kneten meiner Hände hinter dem Rücken, der getrocknete Schweiß auf meiner Stirn ihr etwas vorgauckeln wollten. Ihr Satz. Nur ein einziger Satz. Eine Drohung. Ein Versprechen.

- Ich weiß, dass alles über dich, eine Pause wie ein viel zu langes Ausatmen, und noch vieles mehr.

Rügen 2013

Bild

Ein und aufladen

- Ich kann euch nur einladen, er sagt es in einem leichtem Singsang, legt seine Hände auf die Knie, Handflächen nach oben, als empfangende Geste.
- Ich kann euch nur einladen, seine Augen sind geschlossen und ich sehe ein leichtes Lächeln mit seinen Mundwinkeln spielen, für die schwierigen Dinge kann man sich nur selbst entscheiden.

Einen Tag schweigen – mit vorheriger Ankündigung. Beim vegetarischen Abendbrot drehen sich die Gespräche immer und immer und immer wieder um Schweigen. Oder eigentlich eher um das nicht gebotene Reden. Jede Menge Worte, die etwas beschreiben, das ohne Worte auskommen soll. Vielleicht auch kann. Um diese Einladung zu einem Tag, der ohne Worte sein soll.

Am nächsten Tag reden dann alle etwas leiser als sonst. Und immer wieder gehen die Blick zu diesem einen, der nicht antwortet, nur lächelt. Es wird getuschelt, geflüstert, mit den Schultern gezuckt. Es fallen Worte wie soziopathisch, eingebildet oder Sätze mit eh wenig gesprochen. Worte können nicht verletzen, nur ihr Klang, ihr Echo, ihre Rückkopplungen. Hat mal irgendwer behauptet.

Und er steht, sitzt da, als wären da viele Worte in seinem Kopf, die das weiße Rauschen füttern, Erwiderungen und Konter, Gemeinheiten und Lächeln von Worten umkleidet.
- Die schwierigen Dinge kann man nur selbst entscheiden, sagt sein Lächeln und seine  innere Stimme vielleicht etwas gänzlich anderes. Das Rauschen und Toben im Kopf überhörend. Oder vielleicht: fließen lassen. Das innere Feuer füttern, ohne zu verbrennen, ohne selbst Feuer zu legen. Was auch immer seine eigene Aufgabe sein mag. Durch genaues Zuhören drei Seiten einer Botschaft überhören. Solange zusehen, bis alles nur noch verschwimmt, in einem See, der ohne Wort ist. Menschen mit einem Lächeln begegnen, sie so sehen, wie Gott sie gemeint hat, als er die Fingerspitzen ihres Schicksals geküsst hat. Nicht mehr erzählen, die Worte nicht mal mehr zählen. Oder vielleicht akzeptieren, dass Schweigen nur das eine Ende der Skala ist. Und diese Skala eigentlich ein in sich geschlossener Kreis.

Aber er sagt das alles nicht und seine Augen spiegeln nur mich wieder.

Stillstand

Es gibt verschiedene Wege, Kindern seinen Willen aufzudrängen. Versprechen, loben, erpressen, meckern, schimpfen, tadeln, belohnen. Und die ganzen anderen Dinge, bei denen ich mich selbst manchmal erwische.

Und vielleicht muss es so sein, dass es nur diesen einen Ort der Welt gibt, der anders ist.

Als ich selbst als Kind den ganzen Tag durch Felder gestromert bin, Flüße aufstaute, stundenlang am Fenster des Schlafzimmers saß und durchs Fernglas schaute, im Holzschuppen mit dem Staub tanzte, im anderen Schuppen auf dem Motorad saß, mit den Jungs Fussball spielte, Runde um Runde stolz auf diesem alten Fahrrad durchs Dorf drehte, im Tischlerschuppen mit dem Werkzeug baute, die Hühner fütterte oder jagte, mit den Hasen kuschelte, auf der Bank, auf dieser alten Decke der US Army neben diesen stillen, wunderbaren Menschen gesessen hab.

Und jeden Abend mindestens eine Frage, die immer gleich war:
- Oma, gibt es noch eine Geschichte?
- Wenn du fertig bist, bis der Zeiger auf der vier ist.
Und wenn die Waschschüssel ausgekippt war, die Handtücher am Kachelofen zischten, kamen wir in den Flur und der Zeiger war genau auf der vier.
Irgendwie schaffte es meine Oma mich so zu lenken und abzulenken, dass wir immer genau, punktgenau zur selben und richtigen Zeit fertig waren. Eine eigene Art von Magie.

Jahre später war das Haus kalt und leer und trug dieses Fremde in sich, das nur lange vertraute Orte plötzlich spüren lassen. Da legte ich diese Uhr aus dem Flur ganz oben, als letztes auf den Karton und sah diese alte, nie genutzte Batteriefach.
Und da wünschte ich mir, dass dieser Zauber fortklingt. Aus einer anderen Welt in diese.

So ein Fach

Wir rollen gleich nach dem Shavasana unsere Matten zusammen. Keiner guckt dem anderen so recht in die Augen. Ob die Blicke nach innen oder nur nach unten gerichtet sind, macht gerade keinen großen Unterschied.
Und irgendwie kreuzt dann mein Blick doch seinen. Und er versteht mein Lächeln wohl als Aufforderung.
Wie gut ihm das Yoga tut. Und: wie sehr er sich auch in seiner Persönlichkeit entwickelt. Und: das es ja viel mehr sei, als nur das Beheben seiner Rückenschmerzen.
Beheben der Rückenschmerzen, lässt meine Gedanken abdriften, während er weiter erzählt. Über Heben, überheben, zurück in den Schmerz und fließen wie Wasser und Hebefiguren landen meine irgendwann bei Dirty Dancing und ich grinse mit ihnen gemeinsam.
Als meine und seine Welt sich wieder übereinander legen und ich seine Worte wieder höre, erzählt er, dass man ja viel öfter und auch zu Hause üben muss.
Auf dem Weg nach draußen legt er seine Yoga-Matte ins Fach eines Regals, das mir bisher nie aufgefallen war. Ich stocke kurz. Was ist das für ein Regal? Was ist das für ein Fach?
Erst auf den zweiten Blick sehe ich seinen Namen auf der, auf seiner Yoga-Matte. Er lässt sie immer hier, von Yoga-Stunde zu Yoga-Stunden, von Woche zu Woche.

Man müsste. So ein Fach ist das.

cruise control

Wir sprachen über Autos. So wie sich Jungs auch über Sport unterhalten, sich Arsch nennen – oder sich auf die Schulter boxen.
Es ging um verschiedene Typen, Leistungen, Ausstattung und so was. Aber auch um die Kosten und die Unfälle. Um Überschläge auf der Autobahn, Rutschpartien auf verschneiten Alleen oder Landung im Straßengraben, Frontalzusammenstößen mit anderen Autos.
Irgendwie ging es wohl dabei auch im Glück im Unglück wie man so sagt, wenn man Jahre später drüber lachen kann.

Als wir dann bald die Nordschleife zum Ausgangsthema zogen und wieder bei unseren Traumautos waren und denen, die unser nächstes werden könnten, fiel dieser eine Satz. Acht kleine Wörte mit einem Nachhall wie Auspuffgase im Wageninneren. Plötzlich dachte ich nicht mehr an Wertverfall, Inspektionsintervalle und Restlaufzeit. Und wenn ich an Restlaufzeit dachte, dann nicht in Kilometern, sondern in Jahren. Und es war wie in diesem Lied, es ging um mehr, es ging um sie beide. Und die Zeit, auf die sie noch hofften. Gänsehaut im Körper und vor dessen Toren.

Und bei meinem Vater nur ein Lächeln:

- Das wird dann wohl unser letztes Auto sein.