ersten Grades

All die Jahren, in denen sie Dinge sagte wie: Du bist so etwas wie mein großer Bruder.
Oder sie davon sprach, dass wir gemeinsame Eltern haben könnten: Schicksal und Glück. Oder die Vergangenheit und ihr verkehrtes Spiegelbild. In denen wir nebeneinander schliefen. Sie mit diesem tiefen, ruhigen Atem und ich mit offenen Augen und diesem viel zu schnellen Herzschlag, ihren viel zu vertrauten Nachtgeruch in jeder Faser meines Körpers. Und das Echo jeden einzelnen Satzes des vergangenen Tages in meinem Kopf. Wieder und wieder gehört. Ein Tape in endloser Wiederholungsschleife. Jeden Satz und seinen Nachgeschmack auf den Lippen. Könnte das nicht heißen…? Vielleicht bedeutet das…? Sie meint doch sicher…? Und immer wieder: nein. Nein. Nein. Nein.
So lange bis sie einmal im Morgengrauen, im Halbschlaf fragte:
- Warum nein?

Und heute wieder, ihre Kontur im Gegenlicht, als sie aus dem Bad kommt. Das vertraute Spiel ihrer Finger an meinem Hals, als sie sich an mich kuschelt. Ihr Geruch und mein Körper, der eine schlaflose Nacht erahnt. Ich spüre das Spiel ihrer Lippen, wie ein Kuss, doch Worte sind es, die alles Träumen enden lassen.
- Manchmal komme ich mir vor wie die Schwestern eines Einzelkindes, sagt sie in den Raum hinein. In die Nacht. Oder zu mir. Vielleicht ist da gar kein Unterschied. Möglich, es macht auch keinen.

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