Stillstand

Es gibt verschiedene Wege, Kindern seinen Willen aufzudrängen. Versprechen, loben, erpressen, meckern, schimpfen, tadeln, belohnen. Und die ganzen anderen Dinge, bei denen ich mich selbst manchmal erwische.

Und vielleicht muss es so sein, dass es nur diesen einen Ort der Welt gibt, der anders ist.

Als ich selbst als Kind den ganzen Tag durch Felder gestromert bin, Flüße aufstaute, stundenlang am Fenster des Schlafzimmers saß und durchs Fernglas schaute, im Holzschuppen mit dem Staub tanzte, im anderen Schuppen auf dem Motorad saß, mit den Jungs Fussball spielte, Runde um Runde stolz auf diesem alten Fahrrad durchs Dorf drehte, im Tischlerschuppen mit dem Werkzeug baute, die Hühner fütterte oder jagte, mit den Hasen kuschelte, auf der Bank, auf dieser alten Decke der US Army neben diesen stillen, wunderbaren Menschen gesessen hab.

Und jeden Abend mindestens eine Frage, die immer gleich war:
- Oma, gibt es noch eine Geschichte?
- Wenn du fertig bist, bis der Zeiger auf der vier ist.
Und wenn die Waschschüssel ausgekippt war, die Handtücher am Kachelofen zischten, kamen wir in den Flur und der Zeiger war genau auf der vier.
Irgendwie schaffte es meine Oma mich so zu lenken und abzulenken, dass wir immer genau, punktgenau zur selben und richtigen Zeit fertig waren. Eine eigene Art von Magie.

Jahre später war das Haus kalt und leer und trug dieses Fremde in sich, das nur lange vertraute Orte plötzlich spüren lassen. Da legte ich diese Uhr aus dem Flur ganz oben, als letztes auf den Karton und sah diese alte, nie genutzte Batteriefach.
Und da wünschte ich mir, dass dieser Zauber fortklingt. Aus einer anderen Welt in diese.

Zurückgebaut

Die Kinder im Bad.
- Das ist meine Zahnbürste.
- Nein, das ist meine Zahnbürste.
- Nein.
- Doch.
- Meins!
- MEINS!
So geht es eine Weile. Jeder hält Nase an Nase mit dem anderen seine eigene Zahnbürste in die Luft. Und ich stehe daneben und denke mir, dass die meisten  Streits bei den angeblich Erwachsenen das gleiche Fundament wie diese Gesprächsruine haben.

selten // schön

Auf dem Weg von den Großeltern zurück. Das Auto brummt leise, der Große hat schon die Augen zu und träumt von einem langen Tag mit Spielen, Nudeln zum Mittag, Toben am Nachmittag und noch vielen leckeren Dingen zum Abendbrot. Im Spiegel sehe ich, dass die Kleine ganz gebannt aus dem Fenster schaut.
- Alles o.k., frage ich.
Sie antwortet – mit Verzögerung.
- Guck mal, schön, sagt sie und zeigt auf den Sonnenuntergang.

Wie heißt es in diesem außerirdischen Film?: Es ist noch genauso schön, wir sehen bloß nicht mehr so oft hin.

los lassen üben

Da sitze ich mit einem meiner bestens Kumpels auf den Treppenstufen vor der Wohnung. Ich weiss nicht mehr genau, warum wir es nicht hinein geschafft haben. Wahrscheinlich war es ihm vorhin auch wichtiger als jetzt. Und vielleicht hat er es auch schon vergessen.

Wir sitzen da, er erzählt wie sein Tag war. Alle die Kleinigkeiten, die erst im Rückblick größer scheinen. Objects in the rearviermirror. Er erzählt mit Händen und Füssen. Immer wieder geht seine Geschichte andere Wege, scheinbar die Pferde mit ihm durch. Sein Blick sucht meinen, mein Nicken ist wie Treibstoff für seine Gedankenmaschine.

Er erzählt von seinen Freundschaften, von seinen Wunden, die ihm dieser Tag verpasst hat. Oder geschenkt. In seine Geschichten rettet er fast die Welt. Seine und meine. Ich höre zu, bis da keine Worte mehr sind. Oder vielleicht auch nur die, die nach uns rufen.

Er sieht mich an.
- Wir sind Kumpels, oder?
Wieder sucht sein Blick meinen.
- Wir sind Kumpels, bis wir sterben.

Und all die Gefühle finden keinen Weg nach draußen, unter all der Gänsehaut.

Erst als ich ihm beim Schuhe ausziehen helfen soll, kann ich seine kleine Hand wieder loslassen.

werbeblog

a) wir wären nicht so enttäuscht…
Kindergeburtstag. Große Augen, auch bei kleinen Paketen. Eigentlich ist es alles viel zu viel. Und schließlich fallen bei einem Geschenk die Mundwinkel. Wie ehrlich Kindergesichter sein können. Wie enttäuscht Erwachsenenaugen. Später versuche ich die Wogen zu glätten. Auf beiden Seiten. Erkläre dem einen, dass es o.k. ist, wenn er nicht immer begeistert ist, sich aber trotzdem bedanken kann. Erkläre dem anderen, dass Kinder ehrlich sind. Und sich dann Tage später am liebsten im geschenkten Pulli auch noch Duschen würden.
Etwas später auf dem Weg zum Spielplatz scheinen sich die beiden wieder vertragen zu haben. Und als der Kleine dem Großen eine schöne, glatte, braune Kastanie schenken will, sehe ich nur, wie der große von beiden mit den Schultern zuckt, die Kastanie nimmt und gleich fallen lässt.
Später am Abend glätte ich die Wogen auf der einen Seite. Dass Erwachsene oft nicht wissen, dass Kastanien Astronauten sind. Oder Ritterburgen. Oder Autos. Oder Kanonenkugeln. Oder Pferde. Oder fallende Sterne. Ich versuche zu erklären, dass Erwachsene manches wissen und dafür manches nicht sehen.

b) frwhc.de
hat neue Motive, neue Shirts.

Erwischt

a) Stell dir vor
Stell dir vor. Eine schöne Frau oder ein schöner Mann in deinen Armen. Nur ihr beide im Rhythmus eures Atems. Dem Rhythmus nach dem sich auch die Musik richtet. Swing vielleicht. Vielleicht unforgettable von Nat King Cole. Da seid nur ihr beide. Nur ihr beide, weil ihr euch über Zuschauer keine Gedanken macht. Die Welt dreht sich mit euch. Nur mit euch. Nur um euch. Bis dann die Stimme aus dem Off zu euch spricht. Vielleicht klingt sie wie ein Vierjähriger.
- Heiratet ihr, oder was?

b) Stell dich nicht so an.
Ein Bilderrätsel: was machen die beiden Eltern dieses Kindes da am Frühstückstisch?
20110724-151300_sw

psychologie heute

a) verhört
Wer auf den Satz *wer fragt, der führt” gekommen ist, hatte sicher Kinder. Unterstelle ich jetzt mal. Oder wie würde der Große jetzt sagen?
- Warum Papa?

b) jede Sache hat
Und wenn die vier Seiten einer Nachricht von dem selben Typen sind, dann könnte das alles mit der Appellebene angefangen haben. Irgendwo meilenweit von jeder Tankstelle, ohne Feuchtücher, auf beiden Seiten der Straße Leitplanken, eh zu spät dran.
- Papa, ich muss GROSS.