omega im alpha

Wie soll man den Beginn eines Tages beschreiben, der damit anfing, dass ich hörte, wie einer Mutter gesagt wurde, dass ihr Kind vom Auto angefahren sei. Ihr gesagt wurde, dass es nicht schlimm sei. Und ich wenig später den Rettungshubschrauber landen sah?

Und dann liegst du in meinem Armen. Meine Gedanken sprühen weißes Rauschen. Ich steh mittendrin und fühl mich gleichzeitig umhüllt und ausgeliefert. Was haben wir dir alles in die Wiege gelegt? Welche Blessuren, Wunden, welche Schritte und Irrwege. Welche Ratlosigkeit, rastloses Suchen, Ideen für die die Welt nicht bereit scheint? Was wirst du in dir tragen und dort begraben? Wo werde ich Fehler machen, die du dein Leben lang selbst berichtigen musst? Welche Fragen werde ich nie beantworten? Mir selbst? Dir?

Und du guckst mich an, lachst, greifst nach etwas, dass wie ein Lächeln vor meinem Gesicht schwebt. Und ich schnapp es dir weg.

verschiedenes XIII

a) und wenn ich Dinge anders seh…

Wenn ich manchmal den Überblick verliere, Gegebenheit nicht vollständig erfasse oder ich das Gefühl habe, dass dies geschieht, gehe ich manchmal einen Schritt zurück, in die Knie und schaue mir das ganze dann noch mal in Ruhe an.
Als die Finanzkrise den ersten schwachen Atemzug nahm, hatte ich dieses Gefühl. Aber wer hatte wohl nicht das Gefühl, den Überblick zu verlieren. Aber an diesem einen Tag, als in der Tagesschau über das Personalkarrussell der CSU noch vor der anlaufenden Finanzkrise berichtet wurde, schöpfte ich Hoffnung, dass es nicht zu schlimm wird.
Manchmal funktioniert das mit dem in-die-Hocke-gehen, den Blickwinkel ändern. Da lag ich wohl falsch.

Und nun sehe ich wie diese beiden Völker – oder Teile davon sich im Nahen Osten wieder die Köpfe ein- und abschlagen, die Herzen und Hirne zu- und wegschließen. Völker, Religionen mit gleichen Propheten.
Wieder versuche ich den Blickwinkel zu verändern, das alles zu verstehen. Als ich neulich über eine Fussgängerampel ging, achtete ich in einem sonderbaren Moment darauf, wie die Leute aus zwei unterschiedlichen Richtungen aufeinander zu liefen. Und sie liefen wie von außen gesteuert aneinander vorbei, keine Zusammenstöße, keine Rempeleien. Vor Staunen blieb ich noch zwei weitere Ampelphase stehen. Bis zwei Kinder zusammenstießen. Zwei Kinder, die noch zu sehr auf sich selbst konzentriert waren, auf alles und nichts um sich herum.

b) crash, boom, bang

Die Knaller, Raketen, Böller und all das andere pyrotechnische Wirrwarr geht ja wohl auf die Idee zurück, dass man mit lautem Knallen die bösen Geister vertreiben will.
Und ich stell mir die Frage: wer hätte wohl mehr Angst vor einem Geruch von Pech und Schwefel, einen höllischem Dröhnen? Engel? Teufel? Und wie könnten wir die bösen Geister vielleicht anders vertreiben? Mit Engelsgesang? Geigen? Trompeten? Harfenklang?
Und wer würde es wollen, dass ich die bösen Geister mit Geigenspiel vertreibe? Und wahrscheinlich nicht nur die bösen Geister?
Aber diese Gedanken kommen mir auch nur, weil ich da dieses kleine ängstliche Bündel in meinem Arm zu trösten versuchte. Ein Bündel mehr Engel als Teufel.

c) meist ist geil

In der Videothek gab es dieses Angebot: drei DVDs zum Preis von zwei. Ich wusste, dass ich in der Zeit bis ich die DVDs wieder abgeben musste, niemals alle drei schaffen würde. Aber sie war umsonst, kostenlos, durch ein einfaches “o.k.” zu erhalten.
Und Prinzipien überlassen wir doch schon prinzipiell den anderen, oder?

verschiedenes X

a) yeah, right

Es gibt ja so Momente, in denen ich wieder mal sage, dass ich recht wenig TV schaue. Gar nicht mal, um damit anzugeben. Das ist einfach so, ohne dass ich das bewusst steuere. Trotzdem werde ich manchmal komisch angeschaut. Und dann wird das hinterfragt. Wieviel ist denn wenig?
Aus meiner Sicht ist das ja vielleicht eine Möglichkeit, das zu hinterfragen. Eine andere wäre ja: Und, womit verschwendest du dann deine Zeit?

Neulich beschrieb mir jemand die Lage seiner Wohnung als abseits – und, um das zu unterstreichen, meinte er, dass er drei Stationen mit dem Bus zum nächsten Internetcafe fahren müsste.
Und bei mir selbst war es mal bei einem Ferienappartment, als jemand sich die Beschreibung durchlas und dann zu meinem scheinbar offensichtlichen Entscheidungskriterium meinte: ah, kostenloser Internetzugang…

b) Koordinaten XY

Er labbert mir was vor, wie gut er sich fühlt, seitdem er kein Fleisch mehr isst. Und kaut mir beide Ohren ab.
Die Zeit liegt hinter mir, denke ich mir. Irgendwann bin ich über ein nicht mal sehr leckeres Stück Salami gestolpert und gefallen.
Und dann sieht er mich an und erzählt, dass es das erste Mal ja nur wegen einem Mädchen war, das mit dem kein Fleisch essen. Dieses Mal sei es Überzeugung.

Möglicherweise gibt es ja wirklich immer einen, der von dort kommt, wo du vielleicht grad hingesteuert wirst.

you might say III

Träumst du manchmal?

Träumst du von der Nacht, in der du dir alles von oben anschauen kannst? Und vielleicht den Plan erkennst? Träumst du von dem Tag, an dem ein einziges Mal alle zu dir aufsehen? Vielleicht dich auch nur das erste Mal ansehen? Von dem Tag, an dem auch andere dich erkennen?

Träumst du von der Liebe, die hinter dir liegt? Zu deinen Füßen? In deinen Armen?

Träumst du von dem Moment, in dem sich der Schmerz, die Angst, jeder kleinste Zweifel in Freundlichkeit, Wohlwollen, Zufriedenheit, Gleichmut auflöst?

Träumst du von so vielen Dingen, Augenblicken, Wahrheiten, die nicht in Worte passen, nicht beschrieben, gemalt, verraten werden können?

Und, wenn du und ich und vielleicht alle anderen diese Träume hätten und viele andere mehr, die das hier und jetzt zu überall und immer verändern könnten…

verschiedenes VII

I.) nur das und nichts weiter

Aus dem Zug gerade ausgestiegen, noch etwas schläfrig. Auch, weil eine Schaffnerin uns allen erklären musste, wie müde wir alle im Abteil aussehen würden – und zumindestens mich damit geweckt hatte.
Auf dem Bahnsteig ordne ich erst einmal meine Sachen und gehe dann in Richtung zu Haus. Im Vorbeigehen höre ich dieses Satz aus einem Gespräch:
- … ich rauche ja nur auf Bahnhöfen, nur außerhalb der Raucherzonen – irgendwie muss man ja gegen das System rebellieren…

II.) werbeblog

Vielleicht ist das hier nicht der richtige Ort.
Ich bin doch überrascht, wie sehr mich einfache Gestaltung, schlichte und gute Fotos ansprechen – im Vergleich zu viel, bunt und viel zu bunt.
Die Galore wurde einem Relaunch unterzogen. Die guten Gespräche finden darin weiterhin statt, aber ich komme mir vor, als säße ich während eines guten Gespräches im Bahnhofswartesaal neben den Goldene-7-Automaten. Vielleicht sag ich das auch noch an der richtigen Stelle.

e.o.f.

Noch im Traum höre ich den Namen eines Bahnhofs, der mir bekannt vorkommen sollte. Wenn ich richtig wach wäre. Ich sortiere die Stimmen, die einen im Kopf, die anderen im Abteil.
- …so einfach kann das nicht sein.
Meine Augen sind noch nicht ganz offen, die Stimmen noch nicht endgültig geordnet.
- …du kannst nicht einfach so gehen – nach all den Jahren.
Durch den Schlitz meiner Augenlider sehe ich ein Mädchen und einen Jungen auf der Bank gegenüber. Die Körper sind zueinander gedreht, beide zurückgelehnt, die Arme verschränkt.
Meine Augen fallen wieder zu. Die Stimmen passen nicht zu meinem sich davonschleichenden Traum. War da nicht Sonne und Meer? Und hier? Kalt? Regen? Blaue Filter vor der Kamera? Weitwinkel, um beide Hauptdarsteller zu sehen?
Meine Augen öffnen sich wieder ein bisschen.
-… wir können doch auch weiterhin…
- Das ist nicht das selbe.
Ich ordne langsam die Stimmen ein – und auch die Szene, die ich sehe. Reden sie gleich von Freundschaft, von verpassten Chancen, von Zukunft, die sich auch irgendwann wieder ändern kann in das, was einmal war? Und dann? Dann sprechen sie weiter.
- Du kannst nicht einfach ein Solo-Album aufnehmen, da ist Unverständnis in der Stimme, wenigstens hättest du was sagen können.
- Ja, dass ihr das übers Management erfahren habt, war Scheiße!?!
Alles anders. Alles anders, als ich dachte, würde dann wohl der nächste Song heißen. Nur schreiben muss ihn noch jemand.

Stempelkissen

Er stand vor dem Hauseingang. Scheitel. Bomberjacke. Mit Chlor gebleichte Jeans, hochgekrempelt. Springerstiefel. Aus der Entfernung machte ich mir meine Gedanken. Ob er mir meine Gedanken ansehen kann. Ich neige ja manchmal dazu, dass mein kein Hellseher sein muss.
Erst aus der Nähe sah ich die Farbe seiner Schnürsenkel.
- Auf Details achten, du musste mehr auf Details achten, hatte auch schon meine Kunstlehrerin in der sechsten Klasse zu mir gesagt.
Aber so einfach ist das alles nicht mehr. Selbst die Details lassen nicht immer einen kurzen Schluss zu.
Ein Freund von mir hat mir erst neulich erklärt, welche Farben von diesen Gummiarmbändern was bedeuten. Also solo, für alles offen, Doggystyle und andere Vorlieben.
Danach seufzte er so komisch. Ich guckte daraufhin genauso.
- Is alles nicht mehr so einfach, sagte er darauf, seit der Zeit all dieser David Beckhams tragen die Jungs diese Dinger nur aus Styling-Gründen.
Er machte eine Pause und grinste dann.
- Da kriegst du manchmal komische Blicke serviert, wenn du einen von denen anbaggerst.
Wir lachten beide.

Später am Abend erzählte ich ihm, dass in dem Land, in dem ich groß geworden aufgewachsen bin manches einfacher zu erkennen war. So mussten die Antennen in eine bestimmte Richtung weisen, um die beiden erlaubten Sender zu empfangen – und eben keinesfalls andere.
Bei meinem Opa kamen dann ab und zu mal Leute vorbei, die ihm nachdrücklich den Rat gaben, welche Richtung das war.
Vielleicht war da einiges einfach zu erkennen.

Einfacher muss es deswegen auch nicht gewesen sein.

verschiedenes VI

1. Sie & Er

Im Hintergrund läuft leise eines der Lieder, die leise im Hintergrund laufen. Sanft bewegen sie sich dazu.
- Das kenne ich, sagt sie.
- ..?…
- Scorpions
- Naja, fast, ist von den Eagles..
- Egal, die pieken doch auch..

2. Er & Sie

In der U-Bahn sitzen beide nebeneinander. Sie ist in ihre Zeitung vertieft, seine Lektüre liegt auf seinem Schoß. Trotzdem folgen seine Augen den Linien und Wogen von Worten.
Als sie endlich mit einem Teil ihrer Zeitung fertig ist, sieht sie ihn an, reicht den Teil in seine Richtung, nickt und lächelt.
Er läuft etwas rot an und senkt den Blick auf seine Zeitung. Ihre Augen folgen seinem Blick und lassen sein Gesicht noch mehr erröten. Während sie immer noch lächelnd und er sich-ertappt-fühlend auf seine Zeitung sieht, auf die Seite mit der nackten Frau des Tages.

3. Sie & Sie und irgendwie alle anderen er’s

- Wie ist das so, zu wissen, dass alle Männer einen wollen?!
- Wieso? Sind doch bloß Männer!

aus mEine schöne Bescherung

4. …

Gewißheit konnte nur einer haben, der selbst von großer Dauer war, wie die Sterne, die Berge oder das Meer. Und die hatten wiederum keine Worte, um auszusagen, was sie aus langem Bestand wußten. In diesem Punkt gab es mehr Freiheit, als man sich wünschen konnte. Das Richtige konnte man schon tun, aber es war immer möglich, dass alle anderen es für das Falsche hielten. Sie konnten sogar recht haben.

aus Die Entdeckung der Langsamkeit von Stan Nadolny

romanTisch

Händchenhalten in Nahaufnahme. Oder Kinder, Babys vielmehr auf Unterarmen. Und auch alte Menschen mit Weissbroten auf Bänken, die Vögel füttern.
Finde ich romantisch. Dieser vergessene Blick, während die Hand immer wieder aufs neue in die Tüte greift und Brotkrumen weiter in die hinteren Reihen wirft, so dass die vermeintlich schwachen auch mal was abbekommen. Die Welt im kleinen wieder heil ist.

So kriege ich ein schimmerndes Lächeln, als ich den älteren Herren mit diesen beiden Riesentüten auf den Steg zugehen sehe. Als wolle er den Vormittag am See verbringen, Vögel füttern, wissen, dass ihm diese dankbar sind.
Mein Lächeln ist fast beleidigt, als er die beiden Tüten gleichzeitig über die Umfassung des Steges hebt und sie gleichzeitig in den wilden Haufen von Enten, Haubentauchern und Schwänen kippt.

Er sieht wohl meinen Blick.
- Die fressen ja alles, sagt meine Frau immer, und: was man da an Müllgebühren sparen kann.
- Aber mein Weltbild lasse ich mir nicht davon kaputt machen, sage ich etwas trotzig.
Und er denkt wohl etwas ähnliches.
- Die Jugend von heute…

Was solls

Es gibt diese Tage. Wirklich. Ich habe es erlebt.

Dabei fing der Tag etwas ungemütlich an. Regen, nass und feucht, so dass dir die Kälte in die Knochen kriecht. Den Kragen hochgeschlagen und ab zum Bahnhof. Die Straßen waren dunkel und bis dahin hätte ich auch nicht dran geglaubt.
Aber auf dem Bahnsteig ein schüchternes Lächeln. Ich dreh mich noch um und sah über meine Schulter. Doch da stand niemand, der gemeint sein könnte. Dieses Lächeln galt mir.
In der Bahn folgte das nächste Lächeln. Und auch das übernächste sollte nicht das letzte gewesen sein.
- Vielleicht wurde was ins Trinkwasser gekippt?
, dachte ich mir noch und, macht der Grund für alle freundlich gestimmten Mundwinkel an diesem Morgen einen Unterschied?
Als ich mir meinen Kaffee holte: freundliche Gesichter. Und das ist nicht immer üblich, an einem Morgen, im November, in Berlin.

Mittags bin ich das erste Mal an diesem Tag aufs Klo. Der Typ im Spiegel sah mich mit einem überraschten und einem plötzlich wissenden Auge an.
Der Typ im Spiegel hatte noch die Schatten von zwei Creme-Strichen auf den Wangen. Aufgetragen und nicht verschmiert. Kriegsbemalung im zarte-Mischhaut-Stil.
Und, als ob das nicht reichen würde, noch einen dicken Rest Schokoaufstrich im Mundwinkel.
Der Typ im Spiegel guckt komisch zurück.

Und dann lacht er doch noch.