verschiedenes 26

a) Zwischen die Augen
Bei Selim Özdogan heißt es , dass Hoffnung ein Drahtseil ist, auf dem Narren tanzen. Und warumauchimmer fällt mir dazu nur eine Frage ein:
- Darf ich bitten?

b) Reitzeise
Es muss diesen Typen gegeben haben, der ich früher mal war. Oder für den ich mich gehalten habe. Manchmal würde ich gern sehen, wie er schaut, wenn ich meine Hemden selbst bügel. Oder auch wie er guckt, weil ich welche trage. Oder wie sich Kopf leicht zur Seite neigt, seine Augenbrauen Wellen nachzeichnen, weil er merkt, dass ich mir über so etwas Gedanken mache.

c) hail, hehl
Als ich etwas gedankenverloren spread the word sagte, guckten sie schief. Als ich von Vertriebswegen sprach, nickten sie. Komische Welt.

d) Wartwurm
In der Schlange gefangen. Oder vielleicht fühlte es sich nur so an. Vor mit stehen fünf Leute, hinter mir sieben. Trotz intensiver Beobachtung weiss ich nicht, auf welcher Seite der Schlange die Ungeduld größer ist. Es ist ein bisschen wie an der Nordsee bei Ebbe: ein einziger Wateraum. Man kommt nicht so recht voran, bleibt immer wieder stecken, aber irgendwann tritt erst Gleichgültigkeit ein und dann Lethargie. Und danach vielleicht so etwas wie Geduld und man entdeckt Dinge, die man nie zuvor gesehen hat. Oder zumindestens nicht so. Oder wenigstens beginnt man damit, sich die Lage schön zu reden und merkt erst Zuhause, was man alles vom Einkaufszettel vergessen hat.

psswrd rst

Wie lange es her ist, weiss ich gar nicht so genau. Irgend etwas um die zwölf Jahre, vielleicht mehr. Würde es einen Unterschied machen, bei dem was in den Jahren dazwischen passiert ist? Von Telefonauskunft und Telefonbuch, übers Adressbuch aus Papier zum Adressbuch im Handy und in der Wolke.

Ich wähle die Nummer, die ich seit zwölf Jahren nicht mehr angerufen habe aus dem Gedächtnis. Ohne Zögern, ohne Überlegen, ohne jeden Zweifel.
Die andere Nummer, die aus dieser Zeit noch auswendig weiss, ist die meiner ersten großen Liebe. Aber das ist eine andere Geschichte, könnte ich jetzt schreiben. Mach ich aber nicht

Suppe

- Anti für alles, dank dir, singe ich leise mit und stelle mir dabei vor, wie du es laut tust. Vielleicht stimmt das nicht mal und hat es nie. Aber dieses Gefühl, ist dort genau richtig, wo es ist, wie es ist. Weil es mich glauben lässt, dass du irgendwo da draußen bist. Und wir irgendwann unser Versprechen einlösen können. Wie Geschwister ohne die selbe Mutter, wie Zwillinge, die nie im selben Bauch lagen, wie Seelenverwandte.

en passant

Mit Händen, Beinen, Minik und Gestik versuche ich ihm zu erklären. Immer wieder suche ich seinen Blick, während er auf meine Füße schaut, auf meine Hüfte, die Wege meiner Hand. Worte kleiden Bewegung, wie Sandalen Füße im Winter.
Ich schaue in seine leeren Augen, die nur dem Anschein nach durch mich durchsehen.
- Это всё, höre ich mich sagen und sehe sein Nicken, das nur vom Zucken seiner Schultern zu kommen scheint.
Meine Hände unterstreichen weiter Worte, als wollte ich renovieren. Und dieses Mal brauche ich etwas länger.
- Wieso verstehst du Russisch, lässt mein Hirn mich schneller sagen, als ich selbst den Gedanken fassen kann. Ein Bayer in Brandenburg.
- Mein Papa ist Russe, sagt er und ich nicke.
Er fragt weiter nach Schrittfolgen, ich versuche weiter Hüftbewegungen zu erklären, zu zeigen. Und unsere blauen Flecken zeigen, dass da Ansätze von Verstehen sind. Und manches etwas länger dauert.
- Und wieso sprichst du eigentlich Russisch, fünf Minuten und ein paar blaue Flecken später.
- Ich bin Ossi, sage ich, als wäre das eine Erklärung und schiebe nach: sechs Jahre Russisch in der Schule.

Und während wir lachen und Vokabeln austauschen, frage ich mich, ob das nicht oft genug so ist, dass wir krampfhaft Worte suchen, in den Wolken, in allem, was unsere Vergangenheit für uns bereit hält oder in uns selbst.
Und dann nur durch Zufall gemeinsame Worte finden, eine Sprache, die wir alle sprechen, eine Musik, zu der wir alle tanzen. Oder singen. Lass uns singen.

VÖT

Früher haben wir auch angestanden. Stundenlang.
Und haben gelacht über Karriereplan, Hausbauwahn, Langeweile und Kundenfang.
Waren Tage um Tage abgewiesen worden, hatten immer wieder gefragt, in Horden.
Stets hieß es auf unsere Frage: morgen.
Kommt morgen wieder.
Wir rauchten Papas Schachtel leer und tranken gegen Sorgen Tequilla,
die nur geborgt waren irgendwoher und wie Bumerangs kamen sie wieder,
Wie diese Lieder.
 
Für die wir hier anstanden, in Sonne und Regen,
in langen Schlangen, quer über Wege.
Wie wir da standen, für etwas von dem ich annehme,
es ist eh nur geborgt, nie erstanden, doch heute: gestreamt, geleakt, geliked
werden wir versorgt, mit und von dieser Quelle die versiegt und sich teilt,
in Vinyl und Dateien, in Mixtapes und Playlists
doch jeder Schritt im Kleinen, führt zu Großem oder dem Tritt in Kuhmist.
 
Früher haben wir angestanden, stundenlang.
In Horden und Banden, haben unsere Wunden zu Klang
werden lassen, als würde durch morgen und Handeln allein alles rund und ein Anfang.
 
Früher haben wir in Schlangen gestanden für Schallwellen in Plastik gepresst,
als würden wir nur hier verstanden, als wäre unser Leben nur von Musik verbessert.
Wir wollten entwischen und etwas fühlen, berührt werden von Musik tief drinnen.
Und heute warten sie in Schlangen, sitzen sie auf Tischen und Stühlen
und wollen wischen und berühren
wie von Sinnen,
ein Ding, das nur weiß als Farbe nicht als Antwort tief drinnen.
 
Ich lauf durch die Straßen, mit nassem Schuh, und diesen Gedanken tief drin.
Aber eigentlich frag ich mich nur: wo ist der Zauber eines Veröffentlichungstages hin?

gestriges jetzt

Und dann begegnen uns wieder diesen wundervollen Menschen. Menschen, die uns Wunder sehen halfen oder Wolkendrachen oder die Schönheit in kleinsten Dingen.
Menschen, die uns Laufen beigebracht haben, Fahrrad fahren oder Schwimmen. Menschen, die uns die menschlichen Physis oder Psyche gezeigt, Leidenschaft erleben lassen haben oder was Leiden schaft und wir auch.

Und dann begegnen wir wieder diesen wundervollen Menschen. Jahre später, die wie Tage, Momente, kostbare Augenblicke, wie ein Nachmittag im Garten, wie ein Vormittag im Bett, wie die Mittagsstunde hinter dem Holzschuppen, die Abende auf dem Bolzplatz vorbeigezogen sind.

Und dann begegnen wir uns einander. Sie: unsere Lehrer. Wir: ihre Schüler. Alle ihre Lehren – vielleicht verstanden oder auch angenommen. Wir haben ihre Stärke vor Augen, die uns unendliche Kraft schien und schenkte. Wir haben ihre Worte in den Ohren, die Wissen wie Weisheit klingen liess. All diese Stärke, diese Aufrichtigkeit, das Wissen.

Und nun?

Sie sind sich unsicher. Sie hinterfragen. Dieses mal nicht um uns zu lehren sondern, weil sie zu zweifeln scheinen. Ihre Stärke scheint wie ein Blinzeln im Auge. Oder ist das nur Müdigkeit?
Was ist zwischen diesem Damals, das es gegeben haben muss und dem Jetzt, in dem der Zweifel allen Platz einzunehmen scheint, geschehen? Was ist aus ihrer Lehre geworden? Diese Lehre, die unsere Leere mal gefüllt hat. Was ist mit: alle Energie bleibt erhalten, nichts geht verloren? Gilt noch dieser Satz, dass Energie erhalten bleibt?
Oder habe nur ich vergessen, dass auch keine neue hinzu kommt?

Was ist aus ihren Lehren geworden? Wie kann man Lehre noch schreiben? Oder gelehrt?

Oder ist das nur eine ihrer letzten Lehren für uns?

Alle Kraft hat ein Ende. Alle Energie. So wie alle Worte. So wie alle Tage.

Untitled

Seid Stunden rede ich nun schon. Und schnell schiebe ich noch einen Satz nach, wenn sie einatmet. Und die Worte kommen gleich langsamer, im gleichen Rhythmus, in dem sie ihren Atem wieder an die Welt zurück gibt. Ich knete meine Hände, wische mir den Schweiß von der Stirn und traue mich kaum, mein Glas anzusetzen. Jede Pause könnte mich mehr als nur aus dem Fluss der Wörter fortspülen. Wo kommen nur all diese Wörter her, diese Sätze, die Geschichten, die aus ihnen werden? Wie Steine, die einen Weg pflastern – oder eine Mauer bauen.

Sie sieht, wie ich mein Glas ansetzen und lächelt nur, lehnt sich zurück und – nichts. Nichts, als dieses Lächeln. Und ein Nicken, dass alles bedeuten könnte. Oder nichts. Aber in irgendeiner Welt ist das wohl immer eins.

Und so lass ich die Wörter sprudeln, mich forttragen, beobachte mich selbst und das Floß aus Wörtern, auf dem ich versuche die Balance zu halten. Dieses Floß, an denen sich die Seile zu lösen scheinen. Es scheint so zu sein. Wie ein Schein, der durch die Wolken und durch meine Rippen dringt. Oder einer auf dem steht, dass ich gehen darf. Oder bleiben. Das ich mich treiben lassen kann. Oder vertrieben werde.
Ich kriege keine Kurve, setze keinen Punkt und nicht mal ein Komma. Immer wieder geht mir dieser eine Satz durch den Kopf. Wie ein Versprechen, dass ewig gilt. Oder eine Drohung, mit der gleichen Gültigkeit. Dieser eine Satz, nach dem sie mich gefragt hatte, wie es mir geht. Und meine Augen, mein trainierter Blick, das Kneten meiner Hände hinter dem Rücken, der getrocknete Schweiß auf meiner Stirn ihr etwas vorgauckeln wollten. Ihr Satz. Nur ein einziger Satz. Eine Drohung. Ein Versprechen.

- Ich weiß, dass alles über dich, eine Pause wie ein viel zu langes Ausatmen, und noch vieles mehr.

Ein und aufladen

- Ich kann euch nur einladen, er sagt es in einem leichtem Singsang, legt seine Hände auf die Knie, Handflächen nach oben, als empfangende Geste.
- Ich kann euch nur einladen, seine Augen sind geschlossen und ich sehe ein leichtes Lächeln mit seinen Mundwinkeln spielen, für die schwierigen Dinge kann man sich nur selbst entscheiden.

Einen Tag schweigen – mit vorheriger Ankündigung. Beim vegetarischen Abendbrot drehen sich die Gespräche immer und immer und immer wieder um Schweigen. Oder eigentlich eher um das nicht gebotene Reden. Jede Menge Worte, die etwas beschreiben, das ohne Worte auskommen soll. Vielleicht auch kann. Um diese Einladung zu einem Tag, der ohne Worte sein soll.

Am nächsten Tag reden dann alle etwas leiser als sonst. Und immer wieder gehen die Blick zu diesem einen, der nicht antwortet, nur lächelt. Es wird getuschelt, geflüstert, mit den Schultern gezuckt. Es fallen Worte wie soziopathisch, eingebildet oder Sätze mit eh wenig gesprochen. Worte können nicht verletzen, nur ihr Klang, ihr Echo, ihre Rückkopplungen. Hat mal irgendwer behauptet.

Und er steht, sitzt da, als wären da viele Worte in seinem Kopf, die das weiße Rauschen füttern, Erwiderungen und Konter, Gemeinheiten und Lächeln von Worten umkleidet.
- Die schwierigen Dinge kann man nur selbst entscheiden, sagt sein Lächeln und seine  innere Stimme vielleicht etwas gänzlich anderes. Das Rauschen und Toben im Kopf überhörend. Oder vielleicht: fließen lassen. Das innere Feuer füttern, ohne zu verbrennen, ohne selbst Feuer zu legen. Was auch immer seine eigene Aufgabe sein mag. Durch genaues Zuhören drei Seiten einer Botschaft überhören. Solange zusehen, bis alles nur noch verschwimmt, in einem See, der ohne Wort ist. Menschen mit einem Lächeln begegnen, sie so sehen, wie Gott sie gemeint hat, als er die Fingerspitzen ihres Schicksals geküsst hat. Nicht mehr erzählen, die Worte nicht mal mehr zählen. Oder vielleicht akzeptieren, dass Schweigen nur das eine Ende der Skala ist. Und diese Skala eigentlich ein in sich geschlossener Kreis.

Aber er sagt das alles nicht und seine Augen spiegeln nur mich wieder.

So ein Fach

Wir rollen gleich nach dem Shavasana unsere Matten zusammen. Keiner guckt dem anderen so recht in die Augen. Ob die Blicke nach innen oder nur nach unten gerichtet sind, macht gerade keinen großen Unterschied.
Und irgendwie kreuzt dann mein Blick doch seinen. Und er versteht mein Lächeln wohl als Aufforderung.
Wie gut ihm das Yoga tut. Und: wie sehr er sich auch in seiner Persönlichkeit entwickelt. Und: das es ja viel mehr sei, als nur das Beheben seiner Rückenschmerzen.
Beheben der Rückenschmerzen, lässt meine Gedanken abdriften, während er weiter erzählt. Über Heben, überheben, zurück in den Schmerz und fließen wie Wasser und Hebefiguren landen meine irgendwann bei Dirty Dancing und ich grinse mit ihnen gemeinsam.
Als meine und seine Welt sich wieder übereinander legen und ich seine Worte wieder höre, erzählt er, dass man ja viel öfter und auch zu Hause üben muss.
Auf dem Weg nach draußen legt er seine Yoga-Matte ins Fach eines Regals, das mir bisher nie aufgefallen war. Ich stocke kurz. Was ist das für ein Regal? Was ist das für ein Fach?
Erst auf den zweiten Blick sehe ich seinen Namen auf der, auf seiner Yoga-Matte. Er lässt sie immer hier, von Yoga-Stunde zu Yoga-Stunden, von Woche zu Woche.

Man müsste. So ein Fach ist das.