verschiedenes 27

einige unausgewählte Sätze:

“Weisst Du noch: der provozierte Unfall, um dieses eine Mädchen kennen zu lernen?” “Mh.”
“War kein Unfall.”

“Puh, sie hat ja schwer zu schleppen.”
“Jupp, ist eine Hoffnungsträgerin.”

Wieviele Kinder wohl bei “komm mal her” eher an Standpauke, als an Gedrückt-werden denken? Wieviele von den großen Menschen wohl bei der Aufforderung zum Chef zu kommen, eher an Anschiss, als an Lob denken?

Vielleicht gibt es schönere Zeilen, aber diese sind unsere.

Wer ist eigentlich das Getriebe im Sandwirtschaftsministerium?

Sie sagen Sachen wie “schwere Kindheit” oder “Problemviertel” oder “Migrationshintergrund” als würde das irgendetwas erklären.

Früher konnte man sich in eBay geradezu und richtig reinsteigern.

Manche meine Charakterzüge könnten bei der Bahn arbeiten.

Sie sagen “der Weg ist das Ziel”, betonen es aber als meinen sie “auf der Strecke bleiben”.

Der Begriff “Erziehungsberechtigter” kommt ursprünglich aus der Phase der Frühbürokratie und bedeutet “Spaßverderber”.

Mit fester Stimme, geradem Rücken und dem Echo der Überzeugung dem Schicksal entgegen flüstern: Mäuschen, Mäuschen piep einmal.

Reparieren ist ja fast wie neu kaufen. Nur krasser.

Hab versucht, mit nem Hund zu reden. War aber kurz angebunden.

Hat der wunde Punkt was mit Interpunktion zu tun? Wo kommt der dann im Satz hin?

verschiedenes 26

a) Zwischen die Augen
Bei Selim Özdogan heißt es , dass Hoffnung ein Drahtseil ist, auf dem Narren tanzen. Und warumauchimmer fällt mir dazu nur eine Frage ein:
- Darf ich bitten?

b) Reitzeise
Es muss diesen Typen gegeben haben, der ich früher mal war. Oder für den ich mich gehalten habe. Manchmal würde ich gern sehen, wie er schaut, wenn ich meine Hemden selbst bügel. Oder auch wie er guckt, weil ich welche trage. Oder wie sich Kopf leicht zur Seite neigt, seine Augenbrauen Wellen nachzeichnen, weil er merkt, dass ich mir über so etwas Gedanken mache.

c) hail, hehl
Als ich etwas gedankenverloren spread the word sagte, guckten sie schief. Als ich von Vertriebswegen sprach, nickten sie. Komische Welt.

d) Wartwurm
In der Schlange gefangen. Oder vielleicht fühlte es sich nur so an. Vor mit stehen fünf Leute, hinter mir sieben. Trotz intensiver Beobachtung weiss ich nicht, auf welcher Seite der Schlange die Ungeduld größer ist. Es ist ein bisschen wie an der Nordsee bei Ebbe: ein einziger Wateraum. Man kommt nicht so recht voran, bleibt immer wieder stecken, aber irgendwann tritt erst Gleichgültigkeit ein und dann Lethargie. Und danach vielleicht so etwas wie Geduld und man entdeckt Dinge, die man nie zuvor gesehen hat. Oder zumindestens nicht so. Oder wenigstens beginnt man damit, sich die Lage schön zu reden und merkt erst Zuhause, was man alles vom Einkaufszettel vergessen hat.

psswrd rst

Wie lange es her ist, weiss ich gar nicht so genau. Irgend etwas um die zwölf Jahre, vielleicht mehr. Würde es einen Unterschied machen, bei dem was in den Jahren dazwischen passiert ist? Von Telefonauskunft und Telefonbuch, übers Adressbuch aus Papier zum Adressbuch im Handy und in der Wolke.

Ich wähle die Nummer, die ich seit zwölf Jahren nicht mehr angerufen habe aus dem Gedächtnis. Ohne Zögern, ohne Überlegen, ohne jeden Zweifel.
Die andere Nummer, die aus dieser Zeit noch auswendig weiss, ist die meiner ersten großen Liebe. Aber das ist eine andere Geschichte, könnte ich jetzt schreiben. Mach ich aber nicht

Suppe

- Anti für alles, dank dir, singe ich leise mit und stelle mir dabei vor, wie du es laut tust. Vielleicht stimmt das nicht mal und hat es nie. Aber dieses Gefühl, ist dort genau richtig, wo es ist, wie es ist. Weil es mich glauben lässt, dass du irgendwo da draußen bist. Und wir irgendwann unser Versprechen einlösen können. Wie Geschwister ohne die selbe Mutter, wie Zwillinge, die nie im selben Bauch lagen, wie Seelenverwandte.

en passant

Mit Händen, Beinen, Minik und Gestik versuche ich ihm zu erklären. Immer wieder suche ich seinen Blick, während er auf meine Füße schaut, auf meine Hüfte, die Wege meiner Hand. Worte kleiden Bewegung, wie Sandalen Füße im Winter.
Ich schaue in seine leeren Augen, die nur dem Anschein nach durch mich durchsehen.
- Это всё, höre ich mich sagen und sehe sein Nicken, das nur vom Zucken seiner Schultern zu kommen scheint.
Meine Hände unterstreichen weiter Worte, als wollte ich renovieren. Und dieses Mal brauche ich etwas länger.
- Wieso verstehst du Russisch, lässt mein Hirn mich schneller sagen, als ich selbst den Gedanken fassen kann. Ein Bayer in Brandenburg.
- Mein Papa ist Russe, sagt er und ich nicke.
Er fragt weiter nach Schrittfolgen, ich versuche weiter Hüftbewegungen zu erklären, zu zeigen. Und unsere blauen Flecken zeigen, dass da Ansätze von Verstehen sind. Und manches etwas länger dauert.
- Und wieso sprichst du eigentlich Russisch, fünf Minuten und ein paar blaue Flecken später.
- Ich bin Ossi, sage ich, als wäre das eine Erklärung und schiebe nach: sechs Jahre Russisch in der Schule.

Und während wir lachen und Vokabeln austauschen, frage ich mich, ob das nicht oft genug so ist, dass wir krampfhaft Worte suchen, in den Wolken, in allem, was unsere Vergangenheit für uns bereit hält oder in uns selbst.
Und dann nur durch Zufall gemeinsame Worte finden, eine Sprache, die wir alle sprechen, eine Musik, zu der wir alle tanzen. Oder singen. Lass uns singen.

ersten Grades

All die Jahren, in denen sie Dinge sagte wie: Du bist so etwas wie mein großer Bruder.
Oder sie davon sprach, dass wir gemeinsame Eltern haben könnten: Schicksal und Glück. Oder die Vergangenheit und ihr verkehrtes Spiegelbild. In denen wir nebeneinander schliefen. Sie mit diesem tiefen, ruhigen Atem und ich mit offenen Augen und diesem viel zu schnellen Herzschlag, ihren viel zu vertrauten Nachtgeruch in jeder Faser meines Körpers. Und das Echo jeden einzelnen Satzes des vergangenen Tages in meinem Kopf. Wieder und wieder gehört. Ein Tape in endloser Wiederholungsschleife. Jeden Satz und seinen Nachgeschmack auf den Lippen. Könnte das nicht heißen…? Vielleicht bedeutet das…? Sie meint doch sicher…? Und immer wieder: nein. Nein. Nein. Nein.
So lange bis sie einmal im Morgengrauen, im Halbschlaf fragte:
- Warum nein?

Und heute wieder, ihre Kontur im Gegenlicht, als sie aus dem Bad kommt. Das vertraute Spiel ihrer Finger an meinem Hals, als sie sich an mich kuschelt. Ihr Geruch und mein Körper, der eine schlaflose Nacht erahnt. Ich spüre das Spiel ihrer Lippen, wie ein Kuss, doch Worte sind es, die alles Träumen enden lassen.
- Manchmal komme ich mir vor wie die Schwestern eines Einzelkindes, sagt sie in den Raum hinein. In die Nacht. Oder zu mir. Vielleicht ist da gar kein Unterschied. Möglich, es macht auch keinen.

VÖT

Früher haben wir auch angestanden. Stundenlang.
Und haben gelacht über Karriereplan, Hausbauwahn, Langeweile und Kundenfang.
Waren Tage um Tage abgewiesen worden, hatten immer wieder gefragt, in Horden.
Stets hieß es auf unsere Frage: morgen.
Kommt morgen wieder.
Wir rauchten Papas Schachtel leer und tranken gegen Sorgen Tequilla,
die nur geborgt waren irgendwoher und wie Bumerangs kamen sie wieder,
Wie diese Lieder.
 
Für die wir hier anstanden, in Sonne und Regen,
in langen Schlangen, quer über Wege.
Wie wir da standen, für etwas von dem ich annehme,
es ist eh nur geborgt, nie erstanden, doch heute: gestreamt, geleakt, geliked
werden wir versorgt, mit und von dieser Quelle die versiegt und sich teilt,
in Vinyl und Dateien, in Mixtapes und Playlists
doch jeder Schritt im Kleinen, führt zu Großem oder dem Tritt in Kuhmist.
 
Früher haben wir angestanden, stundenlang.
In Horden und Banden, haben unsere Wunden zu Klang
werden lassen, als würde durch morgen und Handeln allein alles rund und ein Anfang.
 
Früher haben wir in Schlangen gestanden für Schallwellen in Plastik gepresst,
als würden wir nur hier verstanden, als wäre unser Leben nur von Musik verbessert.
Wir wollten entwischen und etwas fühlen, berührt werden von Musik tief drinnen.
Und heute warten sie in Schlangen, sitzen sie auf Tischen und Stühlen
und wollen wischen und berühren
wie von Sinnen,
ein Ding, das nur weiß als Farbe nicht als Antwort tief drinnen.
 
Ich lauf durch die Straßen, mit nassem Schuh, und diesen Gedanken tief drin.
Aber eigentlich frag ich mich nur: wo ist der Zauber eines Veröffentlichungstages hin?

gestriges jetzt

Und dann begegnen uns wieder diesen wundervollen Menschen. Menschen, die uns Wunder sehen halfen oder Wolkendrachen oder die Schönheit in kleinsten Dingen.
Menschen, die uns Laufen beigebracht haben, Fahrrad fahren oder Schwimmen. Menschen, die uns die menschlichen Physis oder Psyche gezeigt, Leidenschaft erleben lassen haben oder was Leiden schaft und wir auch.

Und dann begegnen wir wieder diesen wundervollen Menschen. Jahre später, die wie Tage, Momente, kostbare Augenblicke, wie ein Nachmittag im Garten, wie ein Vormittag im Bett, wie die Mittagsstunde hinter dem Holzschuppen, die Abende auf dem Bolzplatz vorbeigezogen sind.

Und dann begegnen wir uns einander. Sie: unsere Lehrer. Wir: ihre Schüler. Alle ihre Lehren – vielleicht verstanden oder auch angenommen. Wir haben ihre Stärke vor Augen, die uns unendliche Kraft schien und schenkte. Wir haben ihre Worte in den Ohren, die Wissen wie Weisheit klingen liess. All diese Stärke, diese Aufrichtigkeit, das Wissen.

Und nun?

Sie sind sich unsicher. Sie hinterfragen. Dieses mal nicht um uns zu lehren sondern, weil sie zu zweifeln scheinen. Ihre Stärke scheint wie ein Blinzeln im Auge. Oder ist das nur Müdigkeit?
Was ist zwischen diesem Damals, das es gegeben haben muss und dem Jetzt, in dem der Zweifel allen Platz einzunehmen scheint, geschehen? Was ist aus ihrer Lehre geworden? Diese Lehre, die unsere Leere mal gefüllt hat. Was ist mit: alle Energie bleibt erhalten, nichts geht verloren? Gilt noch dieser Satz, dass Energie erhalten bleibt?
Oder habe nur ich vergessen, dass auch keine neue hinzu kommt?

Was ist aus ihren Lehren geworden? Wie kann man Lehre noch schreiben? Oder gelehrt?

Oder ist das nur eine ihrer letzten Lehren für uns?

Alle Kraft hat ein Ende. Alle Energie. So wie alle Worte. So wie alle Tage.